Bad Ischl
Imperial days
23.07.2011
Benatzkys "Weißes Rössl" als fulminante Revue-Operette
Vor 50 Jahren gründete der aus Linz stammende legendäre Prof. Eduard Macku die Ischler Operettenwochen, die seither von Juli bis Anfang September die Freunde der leichten Muse in die Traun-Stadt locken. Seit 2004 Michael Lakner die Leitung des Operettenspektakels übernahm, heißt es „Lehár-Festival Bad Ischl“ — und bemüht sich auch um jugendliches Publikum.
Mit wunderbaren Singschauspielern
Dieser Plan sollte im 51. Jahr des Festivals voll aufgehen, denn Regisseur Gernot Kranner stellt das 1930 in Berlin uraufgeführte, in der Nazizeit verbotene Singspiel „Im weißen Rössl“ mit Tempo, Schmiss und wunderbaren Singschauspielern Samstagabend auf die Bühne des Kongress & ThaterHauses. Kranner bevorzugt wie einst Uraufführungs-Sigismund Karl Farkas die Revue-Operette, ohne das Libretto von Hans Müller und Erik Charell sowie die Liedertexte von Robert Gilbert zu schmälern. Kranner weicht bewusst dem Kitsch nicht aus, verleiht der turbulenten Handlung immer wieder einen ironischen Anstrich und in besinnlichen Momenten Gefühl. Herwig Libowitzky entwarf ein wunderschönes Bühnenbild mit vielen schönen Blicken nach St. Wolfgang und Umgebung. Michaela Mayer-Michnay schuf farbenprächtige Kostüme, die durch die Ischler Goldhaubenfrauen eine Krönung erfuhren. Intendant Michael Lakner hat mit Gespür ein Ensemble gefunden, dessen Protagonisten fähig sind, die Typen des Lustspiels in Charaktere zu verwandeln. Kleine Durchhänger wie die unnötige Wienerlied-Parodie gehen zu Lasten der Regie.
Unter den liebevoll auf sie gerichteten Augen der legendären Rössl-Wirtin Waltraud Haas ist Ulrike Beimpold die energische Josepha Vogelhuber, deren Zuneigung zum Zahlkellner Leopold rasch erkennbar wird. Dieser findet in Boris Pfeifer einen facettenreichen, eindrucksvoll singenden Darsteller. Ernst-Dieter Suttheimer ist eine Idealbesetzung für den grantelnden Berliner Fabrikanten Gieseke. Er räumt die Lacher ebenso ab wie Christoph Wagner-Trenkwitz, der auf einem Segway (!) eintrifft und mit einiger Selbstverleugnung, jedoch umwerfend komödiantischem Einsatz dem „schönen Sigismund“ einmalige Ausstrahlung verleiht. Reinhard Alessandri punktet als Dr. Siedler mit prächtigem Tenor und charmantem Draufgängertum. In ihn verliebt sich verständlicherweise Romana Noack als Ottilie ebenso schnell wie die quicklebendige, nur kurz gehemmte Caroline Vasicek als bezauberndes Klärchen in den schönen Sigismund. Wenn Charakter-Darsteller Gerhard Balluch als Kaiser Franz Joseph auftritt, ist großes Sprechtheater angesagt.
Sentimentale und schmissige Ohrwürmer
Am Pult des einsatzfreudigen Franz-Lehár-Orchesters waltet Marius Burkert mit präziser Zeichensprache seines Amtes. Unter seiner Leitung beweisen alle wunderbaren Melodien von Ralph Benatzky, Robert Stolz u. a. ihren Nimbus als schmissige oder sentimentale Ohrwürmer. Mandy Garbrecht ist für die flotten Tanznummern, László Gyükér für die Einstudierung des Chores verantwortlich.
Ingo Rickl, Neues Volksblatt, 18.7.2011
"Weißes Rößl" in flottem Galopp
Dem Land der Berge und Seen, der Viehsohlen-Esser und Zauner-Kipferl huldigt man derzeit in Ischl: Ralph Benatzkys Singspiel "Im Weißen Rössl" eröffnete am Samstag das 50. Lehár Festival Bad Ischl.
Zuschau'n kann er nicht, der arme Kellner Leopold, wenn seine geliebte Rössl-Wirtin Josepha, sein "Pepperl", ein Auge wirft auf den geschniegelten Juristen Dr. Siedler. Dass der vielmehr der schönen Ottilie Avancen macht, ist wiederum der feschen Wirtin ein schmerzlicher Dorn im Auge....
Regisseur Gernot Kranner lässt sein "Weißes Rössl" flott, aber nicht zügellos galoppieren und verzichtet dabei auf gröbere Dressurakte. Mag sein, dass ein einfaches Rössl am besten galoppiert, wenn man ihm freien Lauf lässt ohne ihm zuviel Zaumzeug aufzuzwingen.
Kuhstall-Striptease
Gelegentlich hat Kranner Gegenwartsbezüge eingestreut, etwa dass ein Kredit eben „zahlen auf Griechisch“ sei, und auch manch heitere sprachliche Verwirrspiele: Eignet sich doch das Österreichische trefflich, um etwa Besuchern aus dem deutschen Nachbarland das nackte Grauen zu lehren: „Viehsohlen“ pflegt man im Salzkammergut zu verspeisen!
Ein überlebensgroßer Wiederkäuer mit unwiderstehlichen Glupschaugen darf sein Haupt schwenken. Unter anderem einen kessen Kuhstall-Striptease legt das Ballett des Lehár Festivals in der Choreografie von Mandy Garbrecht hin. Schön wie im Bilderbuch, so ist das Salzkammergut: Herwig Libowitzky hat es auf verschiebbaren Wänden bildlich festgehalten, schlicht in dezenten Pastelltönen. In Grau wie an einem Regentag verzichtet sein „Weißes Rössl“-Hotel auf jeglichen Kitsch wie auch auf schmucke Blumenkästen. Vielleicht nicht allzu einladend, aber gut.
Dirigent Marius Burkert, das spielfreudige Franz-Lehár-Orchester und der stimmkräftige Chor ebnen Benatzkys Ohrwürmern mit klangvollem Schwung und Elan den direkten Weg ins Ohr, wie dem Ensemble musikalisch den Boden.
Ulrike Beimpold hat die Zügel „Im weißen Rössl“ fest in der Hand. Für eine wirkliche Vollblut-Wirtin fehlt ihren Charmeoffensiven aber das Quäntchen Reschheit und ihrer fast zierlichen Erscheinung im Dirndl die stattlich wogende Leibesfülle.
Boris Pfeifer ist ein ihr ergebener, schmachtender Leopold, der bei aller gekränkter Eitelkeit seinen Stolz bewahrt. Ernst-Dieter Suttheimer ist ein aufbrausender Fabrikant Giesecke und sprachlich zum Berliner Kindl geboren. Zwei, die sich finden und auch stimmlich in ihren Duetten ein ideales Paar abgeben, sind Romana Noack als Ottilie mit viel damenhafter Eleganz und Tenor Reinhard Allesandri als galanter Jurist Dr. Siedler.
Ein entzückendes Paar geben Christoph Wagner-Trenkwitz als Sigismund mit Tonsur-Glätzchen und Caroline Vasicek als lispelndes Klärchen ab – beide verstehen es trefflich, dem menschlichen Makel seinen Charme abzutrotzen. Frank-Michael Weber ist ein sparsamer, bescheidener Professor Hinzelmann, Maria Gusenleitner die Jodel-Königin.
Es hat viele sehr gefreut
Thomas Zisterer ist ein sprühender Piccolo und Retter in der Not: Wenn der Kaiser „Im Weißen Rössl“ absteigt, um dort ein Zauner-Kipferl zu verzehren und doch noch alles zum Guten zu wenden, geht eben manch Böller im Lamfenfieber daneben. Dabei ist auch der Kaiser nur ein Mensch: Gerhard Balluch ist eine erhabene Hoheit voll Güte und Lebensweisheit.
Um mit des Kaisers Worten zu sprechen: Der Abend war sehr schön – und noch viel lustiger –, und das zahlreiche Publikum hat sich offenkundig sehr gefreut. Viel Applaus.
Karin Schütze, OÖN, 18.7.2011
Der schöne Sigismund auf dem Segway
Wenn Piefkes und Ösis im Sommer ihre Hassliebe ausleben, dazu gejodelt, geblödelt, ein bisserl palavert wird und zuletzt der Kaiser FranzJoseph seinen Auftritt als lieber, guter, alter Onkel hat, ist die Operette mitten im Salzkammergut angekommen.
So ist es logisch, dass man in Bad Ischl für das 50-Jahr-Jubiläum der Operettenfestspiele das „Weiße Rössl“ von Ralph Benatzky auf den Spielplan gesetzt hat. Außerdem ist da für jeden etwas dabei: ulkige Preußen, ein uriges Bergvolk, ein musikalisches Sammelsurium aus Foxtrott, Walzer, Märschen und Erzherzog-Johann-Jodler nebst unverwüstlichen Ohrwürmern von „Die ganze Welt ist himmelblau“ bis „Was kann der Sigismund dafür . . .“.Mit einer Kuh im Walzerschritt Dass das tausendfach gespielte Sommerfrischetheater am Wolfgangsee heute noch einigermaßen kurzweilig bleibt, ist der Tatsache zu verdanken, dass Regisseur Gernot Kranner mit etlichen schrägen Einfällen aufwartet. Da tanzen die Ballerinas mit einer Kuh im Walzerschritt, kreisen ihre Hüften wie Bartänzerinnen und reißen sich das blaue Stallgewand vom Leib, um wenig später zum Schuhplatteln in Hot Pants und Wadlstutzen zu schlüpfen.
Zu diesem Durcheinander passt das Bühnenbild von Herwig Libowitzky mit Ansichten aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, davor spazieren die Touris in modernen Radlerhosen herum, und der schöne Sigismund fährt mit dem Segway hin und her.
Warum der Kaiser mit dem U-Boot kommt, weiß zwar niemand. Aber Hauptsache, es ist irgendwie komisch. Schließlich lebt die Geschichte vom Zahlkellner Leopold, der in die Rössl-Wirtin Josepha verknallt ist, seit der Entstehung vor acht Jahrzehnten vor allem von der ihr eigenen Situationskomik, etwa wenn der Oberpiefke Giesecke (hervorragend: Ernst-Dieter Suttheimer) über Küche und Landschaft der Österreicher jammert („überall stehen Tannen vor“) und von Wannsee, Spree und Rügen schwärmt.
Bei so viel Plauderschmäh rücken die Stimmen in den Hintergrund. Die Einzigen, die das Publikum am Premierenabend wissen lassen, dass sie singen können, sind Reinhard Alessandri als Rechtsanwalt Dr. Siedler und, an seiner Seite, Romana Noack als Ottilie.
Dem Rest des Teams helfen die Mikrofone, allen voran Ulrike Beimpold als Josepha Vogelhuber. Aber zumindest schauspielerisch gibt sie die resolute Rössl-Wirtin recht authentisch, auch wenn es zuweilen etwas zu komisch aussieht, wie diese Wirtin in hellblauem Dirndl und weißen Socken auf der Bühne hin- und herstampft. Boris Pfeifer gibt überzeugend den Zahlkellner Leopold. Eine Überraschung ist Christoph Wagner-Trenkwitz als herrlich komischer Sigismund Sülzheimer.
Viel Schwung verdankt dieses „Rössl“ auch Mandy Garbrechts Choreografie. Chor und Orchester sind unter der Leitung von Marius Burkert, wie in den Vorjahren, gut aufgestellt.
So ist diese Inszenierung in mancher Hinsicht exemplarisch für den Kurs, den das Lehár Festival seit 2004 unter der Intendanz Michael Lakners eingeschlagen hat: Man nehme in der Hauptsache alte Kassenschlager, befreie sie ein bisschen vom Kitsch der Vergangenheit und reichere sie um ein paar schräge Einfälle an. So vergrämt man das alte Publikum nicht und spricht doch auch neue Zuseher an.
Das Publikum jedenfalls honorierte es. Bei der Jubiläumspremiere am Samstagabend wurde in Bad Ischl nicht mit Beifall gespart. Das Lehár Festival dauert bis 4. September. Nächste Premiere: „Paganini“ von Franz Lehár, 23. Juli.
Thomas Hödlmoser, Salzburger Nachrichten, 18.7.2011
Eine heile Welt voller Klischees
Das Bad Ischler Lehár Festival eröffnete am Samstag seine 50. Saison mit Ralph Benatzkys Operette "Im Weien Rössl". Für die Inszenierung zeichnet Gernot Kranner verantwortlich. Auch wenn diese Premiere voll beim Publikum zu landen versteht, war dies eher ein höchst ambivalentes Unternehmen.
Die Regie von Gernot Kranner changiert in der Verschubbühne von Herwig Libowitzky am Grat zwischen treffsicherer Klischeehaftigkeit und plakativen (Halb-)lustigkeiten. Auch wenn manche Pointen, wie der auf einem Segway einfahrende Sigismund (Christoph Wagner-Trenkwitz) originellen Ursprungs sind, hat diese Theaterarbeit mitunter einen Hang zu gehöriger Niederschwelligkeit, die in den geschmacklosen Gewändern - außer den Trachten, natürlich! - von Michaela Mayer-Michnay vor allem nach der Quote schielt. Und die ist ja bekanntlich nicht schwer zu erreichen.
Erstaunlich farblos ist Ulrike Beimpold als "Rössl"-Wirtin, während ihr Zahlkellner Boris Pfeifer vollends in seiner charmegeschüttelten Rolle aufzugehen und somit zu begeistern weiß. Ernst-Dieter Suttheimer als Giesecke oder der etwas auf seine Stimme drückende Reinhard Alessandri als Siedler verstehen ihr Geschäft wie Romana Noack, Caroline Vasicek oder Thomas Zisterer. Chor und Orchester sorgen unter Marius Burkert für recht ordentlichen Schwung und für das Publikum schien die Welt vollends in Ordnung zu sein.
Norbert Trawöger, Kronen-Zeitung, 18.7.2011
Im Salzkammergut lustig sein - was sonst?
Für das 50-Jahre-Jubiläum der sommerlichen Operettenfestssiele in Bad ISchl, die Intendant Michael Lakner 2004 in Lehár Festival umbenannt hat, musste es schon "was Wunderbares sein". So kehrte nach 37 Jahren die populäre Revue-Operette "Im Weißen Rössl" an ihren Ursprungsort zurück.
Regisseur Gernot Kranner lässt über die kleine schmale Bühne eine flotte Show mit agilen Singdarstellern, die mit Können, Temperament und Komik punkteten, ohne je ins Outrieren abzurutschen, sondern das Komödiantische ernst nahmen, die parodistischen Elemente fein dosiert und stets präsent untermischten und damit echte Heiterkeit und Lacherfolge im Publikum zündeten. Und doch das Weiße Rössl in guter Tradition wiedergab, entstaubt, aber unverkennbar.
Mit Hilfe mikrofonischer Verstärkung waren die Dialoge und Gesangsnummern der Singschauspieler sehr präsent und wortdeutlich verständlich und mischten sich auch mühelos mit dem in forscher Dynamik und zügiger Rhythmik aufspielenden Orchester unter der Leitung von Marius Burkert. Ulrike Beimpold gab ihr Rollendebüt und war eine resolute und resche Rösslwirtin, die auch mit beachtlichen gesanglichen Fähigkeiten zu gefallen wusste. Ihren Blumenstrauß am Ende kredenzte sie dann der verehrten Waltraud Haas. Boris Pfeifer war der verliebte Zahlkellner Leopold, aufmüpfig, pfiffig, verzweifelt und am Ende überschäumend vor Glück über seine Ehe-Engagement. Peter Alexander hat er sich sicher zum Vorbild genommen, brachte aber vor allem in den Gesangsnummern viel eigene Persönlichkeit ein und war der bejubelte und überzeugende Mittelpunkt und Darsteller der berühmten Rolle. In Thomas Zisterer hatte er einen ebenso agilen und pfiffigen Piccolo und als zart lispelndes Klärchen machte Pfeifers Frau Caroline Vasicek eine liebenswerte Figur. Ihr Vater Hinzelmann alias Frank-Michael Weber gab das witzige Komikerpaar ab, zusammen mit Ernst-Dieter Suttheimer, der als berlinernder Giesecke natürlich die pointenreiche Chance weidlich nützte, im divergierenden Dialog zwischen den preußischen und östererreichischen Sprachgewohnheiten dankbares Lachfutter abzugeben.
Als große Sensation war die Erwartung auf den Sigismund Sülzheimer von Christoph Wagner-Trenkwitz geschürt. Und er konnte ebenso viele Lacher und riesigen Beifall auf seiner Seite verbuchen, erwies sich als Komiktalent in seinem sächselnden Tonfall und zog auch als singender Schauspieler die Aufmerksamkeit auf sich. Heiterkeit war ihm sicher sogleich beim ersten Auftritt als er im Elektroroller die Bühne durchquerte. Ein voller Erfolg als Multitalent!
Gerhard Balluch schließlich war der würdevolle Kaiser Franz Joseph, mit Radetzky-Marsch und Hymnen-Anklängen begrüßt.
Herwig Libowitzky zeichnete für die Bühnenbild Prospekte mit Wolfgangsee-Rössl-Gasthaus und Kuhstall-Romantik verantwortlich Michaela Mayer-Michnays Kostüme, in Zusammenarbeit mit Gössl gefertigt, lieferten Autentizität. Exquisit auch die Goldhaubenfrauen der Stadt Bad Ischl. Reizvoll und amüsant die Balletteinlagen, vor allem die „schuhplattelnde Kuh“ ließ die Lachmuskeln des Publikums nicht ruhen.
Elisabeth Aumiller, DrehPunktKultur, 18.7.2011
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